Das Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) erforscht die aktuelle und künftige Entwicklung von Städten und Regionen interdisziplinär und international vergleichend. Europa spielt dabei eine zentrale Rolle: Als Raum für länderübergreifende Forschungskooperationen ebenso wie als vielfältiger Untersuchungsraum. Die Europäische Union ist außerdem Fördermittelgeber und Gestalter von wissenschaftlichen Rahmenprogrammen. In der Woche vor der Europawahl nehmen wir drei konkrete Projekte aus der ILS-Forschung genauer in den Blick.

RELOCAL – territoriale Gerechtigkeit in Europa
Seit knapp drei Jahren untersucht das Projekt RELOCAL (kurz für: Resituating the Local in Cohesion and Territorial Development) Entwicklungsansätze in unterschiedlichen europäischen Regionen und fragt dabei, wie sehr die europäische Strukturpolitik regionale Unterschiede bisher berücksichtigt und inwieweit deren stärkere Beachtung territoriale Ungleichgewichte in der EU verringern kann. Mit einem bottom-up-Ansatz wird dabei das Spannungsfeld von regionalen Entwicklungsansätzen und europäischen Kohäsionszielen und -politiken untersucht.

Für das Forschungsvorhaben hat sich ein Konsortium mit Partnern aus 13 Ländern gebildet, das vergleichend mehrere Fallstudien untersucht. „Wir geben als Konsortium Antworten auf europäische Fragen. Das kann nur mit europäischen Antworten gelingen, die die regionale Diversität in Europa berücksichtigen“, erklärt Projektleiterin Dr. Sabine Weck vom ILS den Ansatz. Das ILS begleitet in Deutschland das Zentrum für Jugend- und Soziokultur in Görlitz als einen wichtigen Katalysator von Kulturangeboten in der Stadt sowie das Projekt „Smart Country Side“ in den Kreisen Lippe und Höxter, das die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzt, um zusammen mit Dorfgemeinschaften Lösungen für mehr Lebensqualität im ländlichen Raum zu finden. Die Berichte der Fallstudien sind jetzt erschienen: Smart Country Side und Jugend- und Soziokultur.

„Es zeigt sich in beiden Fällen wie über einen bottom-up Ansatz und das kooperative Miteinander von kommunalen und bürgerschaftlichen Akteuren ein besonderer Mehrwert mit Blick auf die Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit in den jeweiligen Orten entsteht, der nicht über herkömmliche Verfahren entstanden wäre“, so Weck zu den Ergebnissen. Unabhängig von strukturellen Herausforderungen, bei denen weiterhin auch der Staat gefragt sei, haben die lokalen Partner von ihren Projekten profitiert. „Entscheidend ist, dass in beiden Projekten ein Mehrwert auf lokaler Ebene dadurch entsteht, dass Entscheidungen über das Lebensumfeld vor Ort getroffen werden und an den Ort angepasste Lösungen gemeinsam entwickelt werden.“
Die Arbeit im europäischen Konsortium bewertet Weck als positiv: „Solche Kooperationen sind gewinnbringend für uns. Internationale Vernetzung ist für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wichtig, weil wir so vom Forschungsstand in anderen Ländern erfahren und wie Politik dort Vorhaben angeht. Diese länderübergreifende Arbeit reflektiert damit auch unsere Arbeit und unser Vorgehen“, so Weck.
RELOCAL wird von der EU im Rahmenprogramm Horizon 2020 für Forschung und Innovation gefördert. Ziel des Förderprogramms ist es, europaweit eine wissens- und innovationsgestützte Gesellschaft und eine wettbewerbsfähige Wirtschaft aufzubauen.

Mehr auf: https://relocal.eu/

FEW-Meter – wie geht effiziente Landwirtschaft mit den Ressourcen in der Stadt?
Ob im Schrebergarten für die Selbstversorgung oder auf einer großen Stadtfarm – urbane Landwirtschaft liegt im Trend. Bisher liegen aber nur begrenzte Daten über die Auswirkungen und Potenziale dieser Praktiken vor. Ein internationales Team von Forscher/-innen aus fünf Ländern will das ändern: Mit FEW-Meter, einem der im Rahmen der „Sustainable Urbanisation Global Initiative (SUGI)/Food-Water-Energy Nexus” geförderten Projekten, suchen sie nach Möglichkeiten, die Nutzung natürlicher Ressourcen in der urbanen Landwirtschaft messbar zu machen und zu verbessern. Das Projekt wird kofinanziert aus dem EU-Programm Horizon 2020.

„Immer mehr Menschen leben in Städten und die Frage ist, inwieweit die Ressourcen, die in den Städten benötigt werden, auch dort produziert werden können“, berichtet Runrid Fox-Kämper, die das Forschungsvorhaben am ILS leitet. Im Projekt werden Ressourcenströme modelliert, um die Auswirkungen verschiedener Formen urbaner Landwirtschaft auf Nahrungs-, Energie- und Wasserressourcen zu messen und Methoden zur Effizienzsteigerung und Förderung der städtischen Nachhaltigkeit zu erforschen. Möglicherweise kann urbane Landwirtschaft dazu beitragen, Stoffkreisläufe in der Stadt zu schließen, z. B. weil der Kompost aus Abfällen für die Gemüseproduktion genutzt werden kann, das dann wieder in der Stadt konsumiert wird. Zurzeit sammeln Gärtnerinnen und Gärtnern in fünf Fallstudienregionen in London, Paris, Warschau, New York und im Ruhrgebiet Daten zu Ressourcenverbräuchen und der Ernte in ihren Gärten.

Gerade weil urbane Landwirtschaft ein weltweites Thema ist, bringt die Arbeit im Konsortium einen konkreten Mehrwert: „Wie in allen internationalen Projekten erweitert der Blick über den nationalen Horizont die Wissensperspektive enorm. Viele Länder sind beim Thema städtische Nahrungsmittelproduktion viel weiter als Deutschland. In Bezug auf Governance-Formen und Institutionalisierung urbaner Landwirtschaft können wir viel von anderen Stadtregionen in einem internationalen Kontext lernen“, so Fox-Kämper. Und wie arbeitet ein Konsortium länderübergreifend? Im Fall vom „FEW-Meter“-Projekt trifft sich das Team zweimal im Jahr persönlich, regelmäßig tauschen sich die Forscherinnen und Forscher außerdem über Videokonferenzen und eine Onlineplattform aus.

Von den Ergebnissen des Projekts sollen möglichst viele profitieren: Bis Mitte 2021 sollen daraus konkrete Handlungsempfehlungen für urbane Gärter/-innen, Fachleute und politische Entscheidungsträger/-innen werden.

Mehr auf www.fewmeter.org

RAISE-IT – schneller unterwegs sein entlang des Rhein-Alpen-Korridors
Das Projekt RAISE-IT (kurz für Rhine-Alpine Integrated and Seamless Travel Chain) schließt an die Ergebnisse das abgeschlossenen EU-Projekts CODE24 (2010−2015) an, dass die Erhöhung der Zugänglichkeit des Rhein-Alpen-Korridors mittels Hochgeschwindigkeitsstrecken vorsah. Doch was nützt eine schnelle Verbindung, wenn am Umstiegsbahnhof der Anschluss an regionale und lokale Verkehrsmittel nicht funktioniert?

Neun Partner aus den Niederlanden, Deutschland und Italien nehmen das für den Korridor zwischen Rotterdam und Genua in den Blick. „Drei der neun Partner sind Forschungseinrichtungen, die Methoden entwickeln, die zusammen mit lokalen Partnern wie regionalen Behörden für ausgewählte Fallstudien angewendet wurden. Die Ergebnisse der Fallstudien wurden an ‚Runden Tischen‘ diskutiert, zu denen lokale Interessengruppen eingeladen wurden“, berichtet Dr. Noriko Otsuka vom ILS über den Prozess.

RAISE-IT untersucht verschiedene Möglichkeiten zur Verbesserung der Zugänglichkeit wie die Erreichbarkeit der Bahnhöfe aus den Einzugsgebieten, die Verbindung der urbanen Bahnknotenpunkten auf der regionalen Ebene und den korridorweiten Verbindungen zwischen den zentralen Reiseverkehrsknotenpunkten in den betroffenen EU-Ländern. Das ILS übernimmt dabei die Analyse einer verbesserten Zugänglichkeit bzw. Vernetzung zwischen den Bahnhöfen und den jeweiligen regionalen Einzugsgebieten. Konkret wird das am Beispiel der Bahnhöfe Arnheim, Nijmegen, Düsseldorf, Frankfurt/Main, Karlsruhe und Genua untersucht. Besonderes im Blick sind dabei die Integration städtischer Mobilitätsformen, wie Fußläufigkeit, Fahrradverkehr und die Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die gewonnenen Ergebnisse sollen als Leitlinien und Handlungsempfehlungen für die Verbesserung der Zugänglichkeit städtischer Bahnhofsknotenpunkte entlang des gesamten Rhein-Alpen-Korridors dienen.

Mehr auf: http://egtc-rhine-alpine.eu/portfolio-item/raise-it/