neugenutzt. Neuigkeiten zur Transformation großer Handelsimmobilien

Ausgabe 02/2023

© Nina Hangebruch

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Liebe Leser*innen,

Ende Juni haben 19 Galeria-Standorte bundesweit geschlossen, sechs davon in NRW. Wie es weitergehen kann, zeigt unser Projekt des Monats, das uns dieses Mal nach Wolfsburg führt. Dort ist ein Digital Hub in einem ehemaligen Warenhaus entstanden. Das Projekt in Wolfsburg zeigt aber auch, dass leider nicht immer das erste Nachnutzungskonzept greift und eine erfolgreiche Nachnutzung manchmal auch ein längerer Weg sein kann.

Gute Beispiele für die Umnutzung ehemaliger Warenhäuser in Essen, Gelsenkirchen-Buer, Herne und Recklinghausen haben wir auch auf der gemeinsam mit dem Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen (MHKBD) und Baukultur NRW durchgeführten Busexkursion Neue Möglichkeitsräume in den Innenstädten: Galeria Karstadt Kaufhof am 15.06.2023 vorgestellt. Vertreter*innen von Projektentwicklern und betroffenen Kommunen haben erläutert, wie die jeweilige Nutzungsmischung entstanden ist, wie der Umnutzungsprozess verlief und wie mit Hemmnissen im Prozessverlauf umgegangen wurde. Wir geben einen Rückblick auf die Veranstaltung, mit der wir nicht nur den Wissenstransfer, sondern auch das Netzwerken zwischen den Kommunen fördern wollten.

Aktuelle Trends zum Nutzungswandel in der Innenstadt und die Möglichkeit zum Austausch und zur gemeinsamen Diskussion stehen auch im Fokus der Veranstaltung JRF vor Ort: Neue Bilder für die Innenstädte. Ideen und Impulse für lebendige Zentren, die wir gemeinsam mit der Johannes-Rau-Forschungsgemeinschaft am 15.09.2023 anbieten. Sie sind herzlich eingeladen, an diesem Tag nach Dortmund ins Fußballmuseum zu kommen! Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie in der Rubrik Medien und Aktuelles.

Ansonsten gilt wie immer: Melden Sie sich gern bei uns, wenn Sie konkrete Fragen zum Thema haben! Wir freuen uns, von Ihnen zu hören und wünschen eine angenehme Lektüre!

Nina Hangebruch, ILS

© Nina Hangebruch

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Digitale Markthalle Wolfsburg

Das 1960 eröffnete, ehemalige Hertie Warenhaus mit rd. 7.000 qm Verkaufsfläche in Wolfsburg wurde bereits 2003 geschlossen. Schon im Jahr 2000 hatte die Stadt Wolfsburg die teils denkmalgeschützte Immobilie am Eingang der Wolfsburger Innenstadt erworben, um das Grundstück als Einzelhandelsstandort zu sichern bzw. weiterzuentwickeln. Nach einem Teilrückbau des Warenhaustrakts und des einstigen Hertie Möbel- und Einrichtungshauses im Jahr 2007 entstand hier auf einer Teilfläche ein Neubau für das Jobcenter mit gewerblichen Flächen im Erdgeschoss. Ein weiterer Teil der Fläche ist bis heute als Grünstreifen ungenutzt. 2009 eröffnete in dem aufwändig sanierten, denkmalgeschützten Teil des Warenhauses eine Markthalle, die sich nicht etablieren konnte. Letztlich blieben ein Restaurant im Obergeschoss und ein städtischer Jugendtreff.

Nach langjähriger Mindernutzung der Flächen entwickelte die Stadt Wolfsburg ab 2017 gemeinsam mit VW (und ursprünglich auch dem VfL Wolfsburg) im Rahmen der Initiative #WolfsburgDigital erste Überlegungen für einen Digital Hub in der Markthalle als Anlaufpunkt für die digitale Szene der Stadt in Kombination mit einem Coworking-Space bzw. Creative Space. Ziel des von der städtischen Neuland Wohnungsgesellschaft als Gebäudeeigentümerin koordinierten Prozesses war es, die digitale Szene an einem Ort in Wolfsburg zu verbinden und eine Schnittstelle zwischen den Themen „Neue Arbeit“, Wirtschaft und digitale Teilhabe zu schaffen.

Das Markthalle – Raum für digitale Ideen genannte Projekt umfasst eine Fläche von rd. 2.500 qm auf drei Ebenen. Das Konzept wurde gemeinsam mit der Aalto Design Factory und der University of Helsinki – zu denen langjährige Verbindungen bestehen – sowie der German Coworking Federation entwickelt. Die Umsetzung des Nutzungskonzepts startete mit einer Pop Up-Phase, um die Konzeption und Ausgestaltung des späteren Angebots vorzubereiten und zu erproben. Während dieser Zeit war das Gebäude kostengünstig möbliert und lediglich mit einem VW-Bulli als Besprechungsraum ausgestattet. Lokale Initiativen und Vereine konnten das Gebäude kostenfrei nutzen.

Für die endgültige Umnutzung zum Digital Hab musste die gesamte Gebäudetechnik erneuert und ergänzt werden. Um nicht noch einmal hohe Kosten für eine experimentelle Umnutzung zu verursachen, wurde so weit wie möglich mit den vorhandenen Einbauten gearbeitet.

Mieter sind derzeit zu je 50 % die Volkswagen AG und die Stadt Wolfsburg. 2020 zog mit dem Schiller 40 Deutschlands erster kommunaler Coworking-Space mit rd. 30 Arbeitsplätzen, einem Audio- und Videolabor, einem AR/VR-Labor und einem FabLab mit Lasercutter, 3D-Drucker etc., Besprechungsräumen mit Konferenztechnik für Hybridveranstaltungen und einer gemeinschaftlichen Teeküche in das Gebäude. Zudem gibt es einen städtischen Jugendtreff, eine Cafeteria, eine von der Ostphalia-Hochschule angebotene Smartphone-Schule und ein Repair-Café.

Die Räume von VW werden seit 2021 durch 42Wolfsburg genutzt, eine private, digitale Programmierschule für angehende Software-Entwickler*innen mit weltweit 52 Standorten, die die Flächen entsprechend der eigenen Bedürfnisse ausgebaut und eingerichtet hat. Der thematische Schwerpunkt des von der Volkswagen AG geförderten Standorts in Wolfsburg liegt auf Projekten in der Automobil- und Mobilitätsbranche, für die VW dringend IT-Fachkräfte benötigt. Im Fokus der 18-monatigen, für die Teilnehmenden gebührenfreien Ausbildung stehen praxisorientiertes, projektbasiertes Peer to Peer-Lernen und Programmieren in kleinen Gruppen. Der Zugang zu den – ausschließlich englischsprachigen – Lehrangeboten der Software-Schule ist zeitlich frei einteilbar, aber nur vor Ort möglich. Viele Studierende arbeiten tagsüber und kommen an den Abenden und Wochenenden in die Programmier- und Software-Schule, die an 365 Tagen im Jahr 24/7 geöffnet ist. Studierende können hier bei Bedarf übernachten, es gibt Duschen, eine Gemeinschaftsküche und diverse Aufenthaltsräume mit Angeboten zur Freizeitgestaltung. Die gemeinnützige Programmierschule mit insgesamt 600 Studienplätzen versteht sich als additiver Baustein zu Hochschulen. Sie funktioniert ohne Klassen, Lehrpersonal und theoretischen Unterricht in einer gamifizierten Projektumgebung. Die Ausbildung erfordert keinen formalen Schlussabschluss, aber ein mehrstufiges Auswahlverfahren. So sollen IT-Talente aus dem In- und Ausland nach Wolfsburg gezogen werden, um hier später als Softwareentwickler*innen zu arbeiten.

Das Projekt ist Baustein der sog. Nordkopf-Entwicklung in Wolfsburg, ein Projekt von Signa und der Wolfsburg AG, einem Gemeinschaftsunternehmen von Stadt Wolfsburg und VW. Hier sollen in den nächsten Jahren Flächen für Wohnen, Hotel, Büro, Freizeit und Handel entstehen. Bereits jetzt hat sich durch die neue Nutzung in der Markthalle und die ausgedehnten Öffnungszeiten der Software-Schule die Lage in dem als unsicher wahrgenommenen Umfeld rund um die Markthalle und die angrenzende Bahnhofspassage entspannt.

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie bei 42Wolfsburg und der Stadt Wolfsburg.

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© Theresa von Bischopink/ILS

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Rund 1 Mio. Quadratmeter misst die Verkaufsfläche, die der Galeria-Konzern durch die Schließungen von 83 Karstadt- und Kaufhof-Warenhäusern seit 2020 aufgegeben hat und bis spätestens Januar 2024 freizieht.

Nach der ersten Insolvenz des Galeria-Konzerns 2020 wurden bereits 42 Warenhäuser geschlossen, in den Jahren 2021-2022 folgten drei weitere Schließungen. Im Zuge der zweiten Insolvenz 2022 wurden zunächst 52 neuerliche Warenhausschließungen angekündigt. Diese Zahl hat sich bis Ende August 2023 auf 38 Standorte reduziert. 19 Karstadt- und Kaufhof-Warenhäuser haben bereits Ende Juni 2023 geschlossen, die übrigen 19 Geschäftsaufgaben sollen bis Januar 2024 folgen.

Angesichts der großen Städtedichte war und ist NRW besonders von Warenhausschließungen betroffen. Hier wurden 2020 bereits zwölf Warenhäuser geschlossen, für sechs davon ist inzwischen eine Nachnutzung gefunden, wenngleich sie erst im Falle zweier Modekaufhäuser realisiert ist. Aufwändigere Umbauten der Immobilien für gänzlich andere Nutzungen brauchen ihre Zeit und eine sorgfältige Kuratierung der Nutzungsmischung. Erheblich gestiegene Kosten für die Baufinanzierung und für Baustoffe kommen erschwerend hinzu. Umso wichtiger sind deshalb Zwischennutzungen, wie sie zumindest in den Erdgeschossen an einigen Standorten realisiert werden.

Im Zuge der aktuellen Schließungswelle folgten nun im Juni die Schließungen der NRW-Standorte in Duisburg, Gelsenkirchen, Hagen, Leverkusen, Neuss, Paderborn und Siegen, bevor spätestens im Januar Bielefeld, Mönchengladbach, Krefeld, Siegburg und Wuppertal aufgegeben werden sollen.

© Nina Hangebruch

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Früheres Kaufhof-Warenhaus, Neuss © Nina Hangebruch (Archiv)

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Welche Themen wünschen Sie sich?

In diesem Newsletter möchten wir Ihnen die Gelegenheit geben, uns eine Frage zu stellen, uns zu schreiben, wo Informations- und Beratungsbedarf besteht. Wir freuen uns, von Ihnen zu lesen und greifen Ihre Fragen und Anregungen gern in einem der nächsten Newsletter auf!

    Meine Frage:

     
    Ich habe Interesse an folgenden Themen:

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    Neue Bilder für die Innenstädte

    Im Zuge der Transformation der Innenstadtzentren stellen sich viele Fragen: Welche Nutzungen können die Lücken füllen, die sich aus der Überkapazität an Handelsflächen ergeben? Was zieht Menschen in Zeiten von Digitalisierung und Onlinehandel in die Zentren? Wie kann der Umbau der Innenstadtzentren trotz der Komplexität der Herausforderungen gelingen?

    Diese und weitere Fragen stehen im Fokus der Gemeinschaftsveranstaltung der Johannes Rau-Forschungsgemeinschaft und des ILS am 15.09.2023, 10:00-14:00 Uhr, in Dortmund. Unter dem Titel Neue Bilder für die Innenstädte: Ideen und Impulse für lebendige Zentren möchten wir Visionen für die Innenstadt von morgen diskutieren. Dazu haben wir neben zwei Impulsvorträgen von Stefan Postert (Stadt + Handel) und Jan Casper-Damberg (Projektbüro Innenstadt Bremen) einen Praxisbericht von Tilmann Insinger (Stadt Dortmund) über die Umsetzung des City-Konzepts vorgesehen.

    Zudem berichten Nina Hangebruch, Frank Osterhage und Dr. Kati Volgmann (alle ILS) über aktuelle Modellvorhaben und Forschungsprojekte zur Transformation der Innenstädte, zu neuen Nutzungen für frühere Handelsimmobilien und zur Anpassung der Immobilienmärkte und Gewerbemieten.

    Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei. Das Programm und eine Möglichkeit zur Anmeldung finden sich hier.

    © AdobeStock_546686814

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    © Nina Hangebruch

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    Essen, Herne, Recklinghausen

    Die erfolgreiche Transformation ehemaliger Warenhäuser in NRW stand im Mittelpunkt einer gemeinsam mit Baukultur NRW und dem Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen (MHKBD) durchgeführten Exkursion am 15. Juni 2023. Bei der von Baukultur NRW geleiteten Bustour durchs Ruhrgebiet haben wir den aktuell in NRW von Warenhausschließungen betroffenen Kommunen vorgestellt, wie eine Umnutzung gelingen kann.

    Beim Start der Exkursion in Essen informierte Bau-Staatssekretär Daniel Sieveke über das neue Innenstadtprogramm und speziell die Fördermöglichkeiten des Landes NRW zur Umnutzung ehemaliger Warenhäuser. Es folgten Beiträge aus Wissenschaft und Praxis: Martin Schlegel stellte aktuelle Innenstadtprojekte aus Essen vor, Nina Hangebruch gab einen Überblick über das Umnutzungsgeschehen an 260 ehemaligen Warenhausstandorten bundesweit und Prof. Yasemin Utku erläuterte die Notwendigkeit eines umfassenden Innenstadtumbaus.

    Besondere Highlights waren die Ortsbesichtigungen in Essen, Herne und Recklinghausen, die Erläuterungen der Projektentwickler (auch zum Projekt in Gelsenkirchen-Buer) und der Verantwortlichen aus den jeweiligen Kommunen. Im Zuge der Ortsbegehungen ging es dreimal bis auf die Dächer der ehemaligen Warenhäuser. In den Gebäuden finden sich heute Büroarbeitsplätze, Fitnessstudios, Gastronomie, Einzelhandel – und absehbar auch eine Markthalle, Seniorenwohnen, Pflegeplätze, eine Kita u. v. m. Die Entwickler erklärten umfassend, wie sie den jeweiligen Nutzungsmix zusammengestellt haben und mit den spezifischen Herausforderungen beim Umbau der teils denkmalgeschützten Bestandsgebäude umgegangen sind.

    Durch die gemeinsame Busfahrt und das Mittagessen in Herne gab es viel Gelegenheit zum Austauschen und Netzwerken.

    Mehr Informationen zu den einzelnen Projekten im aktuellen ILS-Journal zum kostenlosen Download sowie auf der Website von Baukultur NRW.

    © Sebastian Becker/Baukultur NRW

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    © Nina Hangebruch/ILS

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    © Sebastian Becker/Baukultur NRW

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    © Nina Hangebruch/ILS

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    Ihre Ansprechpartnerinnen

    Sie möchten uns Feedback zum Newsletter geben? Sie haben Beratungsbedarf zur Umnutzung einer großen Handelsimmobilie in Ihrer Kommune und denken, dass Ihre Frage auch für andere Kommunen interessant sein könnte und in größerer Runde diskutiert werden sollte? Dann melden Sie sich gern bei uns!

    Nina Hangebruch ist Dipl.-Ing. Raumplanung und seit Anfang 2022 im ILS – Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung für alle Projekte rund um die Transformation großer Einzelhandelsimmobilien zuständig. Mit ihrem Erfahrungsschatz fällt ihr immer ein spannendes Projekt ein, wenn es um interessante Referenzen und Vorbilder geht.
    E-Mail: nina.hangebruch@ils-forschung.de

    Judith Artmann ist Referentin im Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung Nordrhein-Westfalen und koordiniert seit Januar 2021 die Landesinitiative Zukunft. Innenstadt. Nordrhein-Westfalen. In diesem Netzwerk arbeiten drei Landesministerien und 13 Partnerinstitutionen gemeinsam an der Stärkung der Innenstädte und Zentren.
    E-Mail: judith.artmann@mhkbd.nrw.de

    Nina Heming ist Projektmanagerin bei der IMORDE Projekt- und Kulturberatung GmbH, die die Geschäftsstelle des Netzwerk Innenstadt NRW innehat. Das Netzwerk Innenstadt NRW ist eine freiwillige Arbeitsgemeinschaft von rund 170 nordrhein-westfälischen Städten und Gemeinden. Seit 2020 betreut das Netzwerk Innenstadt unter anderem den Erfahrungsaustausch zum Thema Handelsgroßimmobilien.
    E-Mail: heming@innenstadt-nrw.de