WEBVTT

1
00:00:07.560 --> 00:00:11.400
Hallo und Herzlich Willkommen zur
Videopodcastreihe "5 Minuten Stadtforschung",

2
00:00:11.400 --> 00:00:16.740
mein Name ist Stefan Siebentop. Das Thema, das
ich in dieser Folge näher bringen möchte, dreht

3
00:00:16.740 --> 00:00:22.080
sich um die Auswirkung der Corona-Pandemie
auf die Stadtentwicklung. Eine von vielen

4
00:00:22.080 --> 00:00:27.720
Fragen ist dabei ob Corona zu einem Ende des
Großstadtbooms beiträgt. Eine Entwicklung die

5
00:00:27.720 --> 00:00:31.980
in der Stadtforschung Reurbanisierung genannt
wird und die Raumentwicklung in Deutschland

6
00:00:31.980 --> 00:00:40.680
seit der Jahrtausendwende stark geprägt hat.
Denn es waren die großen Städte, die seit 2000

7
00:00:40.680 --> 00:00:46.860
als Gewinner des demografischen, aber auch des
wirtschaftlichen Wandels galten. Corona markiert,

8
00:00:46.860 --> 00:00:51.480
so ist häufig zu hören, ein vorläufiges Ende
dieser Entwicklung. Gleich zu Beginn der

9
00:00:51.480 --> 00:00:56.460
Pandemie gab es in der medialen Debatte wilde
Spekulation über eine Stadtflucht, angeheizt

10
00:00:56.460 --> 00:01:02.820
auch durch die apokalyptischen Bilder aus Wuhan,
aus New York oder Bergamo und die gespenstische

11
00:01:02.820 --> 00:01:09.600
Lehre in den Zentren unserer Städte während der
Lockdown-Phasen. Die Kernargumentation ist dabei

12
00:01:09.600 --> 00:01:14.820
folgende: Die Erfahrung der Menschen während
der Pandemie mit teilweise beengten

13
00:01:14.820 --> 00:01:19.020
Wohnverhältnissen und dichten Stadtquartieren,
die neuen Möglichkeiten des Homeoffice,

14
00:01:19.020 --> 00:01:23.880
die fortschreitende Digitalisierung, nicht zuletzt
auch die hohen Kosten des großstädtischen Wohnens

15
00:01:23.880 --> 00:01:31.500
machen, so die Annahme, ländliche Räume
attraktiver als Wohlstandorte. Aber wie

16
00:01:31.500 --> 00:01:37.140
stichhaltig ist ein solches Szenario und wenn
es eintreffe was wären die Folgen? Empirische

17
00:01:37.140 --> 00:01:42.300
Belege für eine breitere Abwanderung der Menschen
aus Städten existieren in Deutschland bislang

18
00:01:42.300 --> 00:01:47.040
nicht. Was aber auch daran liegen kann, dass
die amtliche Statistik immer erst zeitversetzt

19
00:01:47.040 --> 00:01:52.440
Daten bereitstellt, also dass wir derzeit aktuell
noch keine präzisen Einschätzung treffen können.

20
00:01:54.720 --> 00:01:59.940
Was aber kann als gesichertes Wissen gelten?
Ohne jeden Zweifel gibt es einen starken

21
00:01:59.940 --> 00:02:05.460
Bedeutungsgewinn der Wohnung als Arbeits-, als
Lern-, als Einkaufsort in Form von Homeschooling,

22
00:02:05.460 --> 00:02:11.460
Home Office und Online-Shopping. Für NRW wird
beispielsweise davon ausgegangen dass die Home

23
00:02:11.460 --> 00:02:18.180
Office Potenziale in den meisten Regionen dieses
Landes über 50% liegen. Das heißt jeder zweite Job

24
00:02:18.180 --> 00:02:24.000
bietet Möglichkeiten für das Arbeiten zu Hause.
Zwar lagen die realen Home Office Quoten im August

25
00:02:24.000 --> 00:02:28.620
des vergangenen Jahres deutlich niedriger, wie
hier links zu sehen ist, dennoch kann für die

26
00:02:28.620 --> 00:02:32.820
Zukunft von einem starken Bedeutungsgewinn des
Arbeitens in der eigenen Wohnung ausgegangen

27
00:02:32.820 --> 00:02:38.700
werden. Im engen Zusammenhang damit wird in der
Immobilienwirtschaft eine steigende Nachfrage

28
00:02:38.700 --> 00:02:44.220
nach größeren, besser ausgestatteten Wohnungen
in grüneren Wohnumgebungen beobachtet und erste

29
00:02:44.220 --> 00:02:49.620
internationale Studien verweisen zudem auf eine
mögliche Verstärkung negativer Einstellung der

30
00:02:49.620 --> 00:02:54.180
Menschen gegenüber der hohen physischen sozialen
Dichte in großen Städten als eine Folge der

31
00:02:54.180 --> 00:02:59.700
Pandemie-Erfahrung. All das könnte zu einer
verstärkten Stadtumlandwanderung beitragen.

32
00:02:59.700 --> 00:03:04.900
Schauen wir an dieser Stelle auf einige erste
vorliegende Zahlen aus der amtlichen Wanderungs-

33
00:03:04.900 --> 00:03:10.320
und Bevölkerungsstatistik: Für das erste Corona-Jahr 2020 lässt sich feststellen, dass die

34
00:03:10.320 --> 00:03:15.300
Wanderungsbilanz vieler deutscher Großstädte
erstmals seit vielen Jahren negativ ausfiel.

35
00:03:15.900 --> 00:03:21.480
Zwei Faktoren können das erklären. Erstens
die verstärkte Abwanderung in das Umland der

36
00:03:21.480 --> 00:03:26.940
großen Städte und zweitens die verringerte
Zuwanderung aus dem Ausland. Während erstes

37
00:03:26.940 --> 00:03:32.820
sicherlich eine Entwicklung ist die schon
vor Corona beobachtbar war, ist letzteres

38
00:03:32.820 --> 00:03:39.240
vermutlich eher temporärer Natur, bedingt auch
durch die zeitweisen Grenzschließungen. Insgesamt

39
00:03:39.240 --> 00:03:45.420
wirkt die Pandemie hier trendverstärkend. Eine
Abwanderungsneigung, insbesondere von Familien

40
00:03:45.420 --> 00:03:51.000
aus Großstädten in Folge der hohen Wohnkosten
und knapper Angebote auf dem Wohnungsmarkt,

41
00:03:51.000 --> 00:03:56.640
ließ sich schon vor der Pandemie, vor dem
Einsetzen der Corona-Pandemie beobachten. In

42
00:03:56.640 --> 00:04:01.200
dieser Abbildung sind die Wanderungssalden der
Bevölkerung mit deutscher Staatsangehörigkeit

43
00:04:01.200 --> 00:04:08.520
zwischen 2000 und 2019 dargestellt, differenziert
nach verschiedenen Raumtypen. In den 2000er Jahren

44
00:04:08.520 --> 00:04:13.380
verzeichneten die großstädtisch geprägten Regionen
enorme Wanderungsgewinne, was ich Eingangs als

45
00:04:13.380 --> 00:04:20.820
Reurbanisierung bezeichnet habe, als Großstadtboom
bezeichnet habe. Seit etwa 2011/12 schwächt sich

46
00:04:20.820 --> 00:04:25.620
diese Entwicklung jedoch kontinuierlich ab. Der
zentrale Grund dafür sind die Engpässe und hohen

47
00:04:25.620 --> 00:04:31.020
Preise auf den großstädtischen Wohnungsmärkten.
Interessant ist, dass von dieser Entwicklung

48
00:04:31.020 --> 00:04:36.240
auch strukturschwächere Räume profitieren. In
der Raumtypologie des Thünen-Instituts sind dies

49
00:04:36.240 --> 00:04:41.100
die sogenannten sehr ländlichen Räume, mit weniger
guter sozioökonomischer Lage. Räume, die seit 2017

50
00:04:41.100 --> 00:04:46.200
wieder Wanderungsgewinne bei der Bevölkerung mit
deutscher Staatsangehörigkeit verbuchen können.

51
00:04:47.580 --> 00:04:52.740
Wenn dieser Trend verstetigt würde, was wären
die Folgen davon? Positiv einzuschätzen wäre

52
00:04:52.740 --> 00:04:57.480
sicherlich eine Entlastung der großstädtischen
Wohnungsmärkte. Diese haben in den vergangenen

53
00:04:57.480 --> 00:05:02.280
Jahren zu kritischen Wohnkostenbelastungen,
insbesondere von Haushalten mit geringem und

54
00:05:02.280 --> 00:05:07.500
durchschnittlichen Einkommen beigetragen und
es kam vielerorts zu sozialer Verdrängung aus

55
00:05:07.500 --> 00:05:12.060
den Städten. Allerdings haben die urbanen
Immobilienpreise bislang nicht nachgegeben,

56
00:05:12.060 --> 00:05:18.480
im Gegenteil, sie sind in den Corona-Jahren 2020
und 21 weiter gestiegen. Noch ist schwer absehbar

57
00:05:18.480 --> 00:05:25.200
wie sich die Märkte, die urbanen Immobilienmärkte,
in den nächsten Jahren entwickelt werden. Negativ

58
00:05:25.200 --> 00:05:30.240
zu bewerten wäre dagegen ein verstärkter
Siedlungsdruck in vorstädtischen, ländlichen

59
00:05:30.240 --> 00:05:34.920
Regionen verbunden mit einer hohen Flächeninanspruchnahme und Landschaftszersiedelung und auch

60
00:05:34.920 --> 00:05:39.660
die Abhängigkeit vom eigenen PKW, vom eigenen Auto
in solchen Regionen wäre sicherlich eine negative

61
00:05:39.660 --> 00:05:46.200
Begleiterscheinung eines verstärkten Zuzugs in
eher ländlich geprägte Regionen. Die Erreichung

62
00:05:46.200 --> 00:05:52.260
der ambitionierten Klimaschutzziele würde dies
sicherlich nicht erleichtern. Es bedarf somit

63
00:05:52.260 --> 00:05:57.780
guter Raumplanung, um den Bevölkerungszuwachs in
vorstädtischen und ländlichen Regionen nachhaltig

64
00:05:57.780 --> 00:06:01.680
zu gestalten. Geeignete Maßnahmen könnten
unter anderem sein, die Stärkung ländlicher

65
00:06:01.680 --> 00:06:07.560
Mittelstädte, Siedlungsentwicklung an den
Haltepunkt des Schienennahverkehrs oder auch

66
00:06:07.560 --> 00:06:12.480
mehr verdichteter Wohnungsbau insbesondere in
den Ortszentren. Wenn Sie mehr über dieses Thema

67
00:06:12.480 --> 00:06:19.320
erfahren möchten, verweise ich auf das Heft 1/2022
der Zeitschrift Stadtforschung und Statistik,

68
00:06:19.320 --> 00:06:24.420
in der ein Beitrag dazu erschienen ist. Ich
danke Ihnen sehr herzlich für Ihr Interesse.

